Arbeit im Umbruch

Von Libero DAgostino

Viele sehen das Ende der Arbeit gekommen, prophezeien gar ihren Untergang als Ordnungsprinzip des sozialen Systems. Sicher ist, dass sich der Charakter der Arbeit wandelt: Heute Überlebt auf dem Markt nicht, weil stets noch mehr Waren produziert. Gefragt sind heute Lösungen für spezielle Probleme, Ideen also. An die Werktätigen der Zukunft werden damit ganz neue Anforderungen gestellt.

In den Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gibt es mehr als 33 Millionen Arbeitslose, in der Europäischen Union über 18 Millionen. In diesen Zahlen fehlen jedoch Millionen von Stellenlosen, die von der Statistik nicht erfasst werden. Die Schweiz mit 176'548 Arbeitslosen (Daten vom Februar 1998) kann sich rühmen, eine der tiefsten Arbeitslosenraten (4,9%) des Alten Kontinents aufzuweisen. Doch für ein Land, das in den Augen der gesamten Welt als Symbol für Wohlstand und Vollbeschäftigung galt, sind das traumatische Zahlen. Um so mehr als zu den statistisch erfassten Arbeitslosen ungefähr 250'000 Personen hinzukommen, welche jeden Monat das Arbeitsamt aufsuchen. Besonders alarmierend ist die Situation in einzelnen Kantonen, wie beispielsweise dem Tessin, wo das Beschäftigungsproblem eine Dimension erreicht hat, die mit einzelnen Provinzen Süditaliens verglichen werden kann.

Der Schweiz geht ihr wichtigster Rohstoff aus

Wie schon vor einigen Jahren der Genfer Soziologe Christian Lalive d'Epinay in seinem Essay Le mythe du travail en Suisse bemerkte, erlangte die Schweiz ihre wirtschaftliche Stärke durch die Erhebung der Arbeit zu ihrem Hauptrohstoff und zu einem Wesensmerkmal der nationalen Identität. Heute scheint uns dieser Rohstoff auszugehen, und mit ihm gehen auch bisherige Sicherheiten verloren.

«Wir befinden uns in einer historischen Umbruchsphase», schreibt Lalive dEpinay, «und sind auf dem Weg zur Überwindung der alten Industriegesellschaft. Ein unumkehrbarer Prozess ist in Gang gekommen, es gibt keinen Weg zurück in die Vergangenheit; das gilt auch für das Verständnis von Arbeit als Tätigkeit und Wertfaktor.» Dieser Prozess ist der heikle Übergang der führenden Nationen von der sogenannt fordistischen, auf Produktion und Massenkonsum ausgerichteten Gesellschaft in die postfordistische.

Ideen statt Waren produzieren

Das genaue Szenarium muss noch erforscht werden, klar ist bislang erst, dass Produktion und Arbeit sich an noch unbekannten Massstäben orientieren werden, nicht mehr am wieviel, sondern daran, wie, was und wann produziert wird. Die Lösungen heissen just in time und schlanke Produktion; diese Unternehmensmaximen verlangen neue Arbeitsweisen und berufliche Kompetenzen, die auf Flexibilität, physischer und intellektueller Mobilität, kontinuierlicher Weiterbildung und Kreativität beruhen. Das Produzieren von Ideen, Bildern, Marken und Informationen gilt auf dem Weltmarkt weit mehr als die Warenproduktion. Der Reichtum wird nicht mehr nur in Tonnen von Zement und Eisen gemessen, sondern an immateriellen Gütern und Dienstleistungen, die schwierig zu quantifizieren und einzuschätzen sind. Eine neue Berufsklasse taucht auf, die Wissensarbeiter. Im Westen landen die Fliessbänder in den Museen, in den aufstrebenden Ländern gehören sie jedoch zum Alltagsbild einer industriellen Entwicklung, die noch auf der grossen standardisierten Produktion gründet. Die epochale Wandlung ist gekennzeichnet durch die rasante Entwicklung im Informatik- und Kommunikationsbereich und durch den raschen Technologie- und Kapitaltransfer von einem Ende der Welt ans andere. Eine neue Landkarte der weltweiten Arbeitsverteilung ist entstanden.' Wörter wie Globalisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Kosten sind in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeflossen, und erzeugen Angst in Fabriken und Büros. In ihrem Namen wird nach möglichen Überkapazitäten gesucht und Personal abgebaut.

Non-Profit-Arbeit ausbauen

Gemäss einer kürzlichen Umfrage sind nach sieben Krisenjahren Arbeitslosigkeit und Angst vor Stellenverlust die Hauptsorgen der Schweizer geworden. Restrukturierungs- und Fusionsmeldungen mit Arbeitsplatzabbau geben diesen Befürchtungen immer wieder Nahrung. «Doch die Arbeitslosigkeit», sagt Lalive d'Epinay, «kann man nicht mit veralteten Rezepten bekämpfen; wir müssen den Schritt vom Beschäftigungsprinzip zum Prinzip der sozial sinnvollen Tätigkeit machen.» In die neue Kategorie gehören Tätigkeiten im Non-Profit-Bereich, in den Pflegeberufen, im Bereich der Umwelt und der Kultur, die überall zunehmen und sich nicht mehr in privatem Gewinn messen lassen.

   Aber geht uns tatsächlich die Arbeit aus? Es fällt schwer,das zu glauben. Wie sollte man sonst die enorme Zunahme der Überstunden oder der Schwarzarbeit - Phänomene, die in allen führenden Nationen zu beobachten sind - erklären? Gemäss einer Studie der Universität Zürich hat sich in der Schweiz in den letzten zehn Jahren das Ausmass der Schwarzarbeit fast verdoppelt, auf einen Wert von rund 33 Milliarden Franken (8,9% des BIP). Schwarz zu arbeiten ist für fast 150'000 Personen, die weitgehend aus dem offiziellen Arbeitskreislauf ausgeschieden sind, der einzige Ausweg. Auch die bezahlten und unbezahlten Überstunden nehmen zu: 1995 hat der Bund 160 Millionen Überstunden registriert, was 83'000 Arbeitsplätzen entspricht. Der soziale Arbeitstag hat sich eindeutig intensiviert und ausgeweitet.

Keine Ende der Arbeit in Sicht

Angesichts dieser Zahlen muss man statt vom Ende der Arbeit viel eher von einem radikalen Wandel des Arbeitscharakters sprechen. Das sagt der Tessiner Ökonom Christian Marazzi, Autor des Buchs Il posto dei calzini, in welchem er die Veränderungen der Produktionsprozesse scharf analysiert. Die Informatik- und Technologierevolution hat die alte Produktionsweise umgekrempelt; mit der Überlagerung von Arbeit und Information soll heute ein Maximalresultat in Minimalzeit erreicht werden. Hier liegt die grosse Neuerung. «Die Arbeit», sagt Marazzi, «lässt sich immer mehr als Gesamtheit von kommunikativen Akten beschreiben, denen ein gemeinsames Handeln zugrunde liegt. Mit der Einführung der Kommunikation wird die kognitive Funktion der Arbeit verstärkt, sie ist immer weniger nur erbrachte Leistung, also bezahlte Arbeit, dafür immer mehr respektive Tätigkeit, eine Reflexion dessen, was man eigentlich tut. Sogar die Definition von Produktivität ändert sich; sie ist nicht mehr die Produktionsmenge pro Arbeiter in einer Stunde, in einer Woche oder in einem Monat. Mehrwert schafft diejenige Arbeit, die fähig ist,

Lösungen für unerwartete Probleme zu finden. Man überlebt heute auf dem Markt nicht mehr, wenn man das Produktionsvolumen erhöht, sondern wenn man Strategien erarbeitet, die Erneuerungsprozesse erlauben, ohne dass die Produktionsmenge erhöht werden muss.»

Flexibilität über alles

Es zeichnet sich also ein Modell ab, welches neue berufliche Qualifikationen erfordert. «Aber aufgepasst», warnt Carlo Luisoni, Inhaber des gleichnamigen Beratungsbüros in Lugano und Arbeitsmarktspezialist, «wenn man von neuen beruflichen Fähigkeiten spricht, so gilt das nicht nur für die Angestellten, sondern auch für die Unternehmer und die Manager. Diese müssen sich befreien von einer bürokratischen und hierarchischen Auffassung der Unternehmensführung und statt dessen eine neue Unternehmenskultur entwickeln, welche Begeisterung weckt und gute interpersonelle Beziehungen entstehen lässt; damit soll der Teamgeist gefördert und das Erreichen des gemeinsamen Zieles -die Verbesserung der Resultate - erleichtert werden.»

Mehr als die Arbeit an sich ist es die Epoche der festen Arbeitsplätze, der sicheren Karrieren und der repetitiven Funktionen, die zu Ende geht. Unter dem Druck der technologischen Veränderungen und der Produktionsflexibilität löst sich das Anstellungsverhältnis, aus dem traditionellen Schema und den alten Vertragsmodellen. Das System einheitlicher Regeln wird abgelöst durch flexible Modelle von Leistung und Entlöhnung. Die bekanntesten Beispiele sind Arbeit im Rotationsverfahren, Arbeitsmiete, Arbeit auf Abruf, Wochenendverträge, modulare Arbeitszeiten und jobsharing. Der Lohn wird dabei zu einer von Qualität und Funktionalität der erledigten Aufgabe abhängigen Variablen. Diese allgemeine Neuorientierung ist gekennzeichnet durch das Entstehen neuer Berufsgruppen, durch ständige betriebliche Restrukturierungen und durch die Auslagerung von Produktionsfunktionen. Damit werden Räume geschaffen für eine neue Art unabhängiger oder eigenständiger Arbeit, die nicht nur Einnahmen, sondern auch Motivation und Wertschätzung der eigenen Tätigkeit mit sich bringt.

Libero D'Agostino Ist Chefredaktor von «Lavorl in corso».

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